„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen…“

Posted on 13. Juli 2014

Die Macht des Storyellings im Fußball

Es ist der 29. April 1998. Parkstadion Gelsenkirchen. Der Ball landet nach einem missglückten Freistoß beim Kölner Spieler René Tretschok. Der fackelt nicht lange und haut das Ding aus 16 Metern auf den Kasten. Doch der Schalker Oliver Held lenkt den Ball gekonnt mit der Hand über das Tor. Das Problem: Held ist Verteidiger, kein Torwart. Statt der verdienten Führung oder Elfmeter und Rot gibt es einen Eckball für den FC, dem wenige Wochen später genau diese Punkte fehlen, um den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern.

Von: Andreas Peters

Die meisten von euch werden sich an dieses Ereignis nicht erinnern können. Warum also leite ich diesen Artikel mit einem so speziellen Beispiel ein und nicht etwa mit dem grandiosen Finalsieg der deutschen Nationalmannschaft in Bern 1954, an den der Titel dieses Artikels angelehnt ist? Oder mit den Patzern des bis dahin unfehlbar scheinenden Oliver Kahn im WM-Finale 2002 in Japan und Südkorea? Ganz einfach: Ich erinnere mich an den 29. April 1998 und die folgenden Wochen als wäre es gestern gewesen. Denn sie markieren einen Meilenstein in meinem Leben als Fußballer und Fußballfan: Ich habe zum allerersten Mal bitterlich geweint. Wegen Fußball. Nichts war imstande mich zu trösten und auch heute noch läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich an Tretschok, Held und diese (für mich) große sportliche Tragödie denke.

Andererseits, und das ist das Positive an dieser zugegeben etwas ausufernden Anekdote: sie ist ein unwiderlegbarer Beweis für die Emotionen, die mit Fußball und all seinen Geschichten verbunden sind. Nicht umsonst sagt man, der Fußball schreibe seine eigenen Geschichten. Doch im Laufe der Jahre wurden diese Geschichten von den Medien mehr und mehr inszeniert. Spieler wurden zu Helden erkoren, mit Gladiatoren gleichgesetzt und fallen gelassen. Fußballspielen wird eine solche mediale Aura verpasst, dass die Nicht-Fußballinteressierten sich teilweise zurecht wundern, die Stirn runzeln und sich stöhnend abwenden.
Doch diese Geschichten — inszeniert oder nicht — existieren. Auf ihnen beruht die Begeisterung für den Fußball und den Sport im Allgemeinen.

„Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“

Die Wenigsten von denen, die das hier lesen, haben diese Worte live hören oder das Spiel gar miterleben dürfen. Und doch hallen nicht nur die Worte, sondern auch die für damalige Verhältnisse ekstatische Intonation des Kommentators Herbert Zimmermann nach als hätten wir an jenem 4. Juli 1954 selbst vor den Radiogeräten gesessen und mitgefiebert.

Diesen Umstand verdanken wir nicht zuletzt der Verfilmung dieses Finales von Söhnke Wortmann. Wer “Das Wunder von Bern” gesehen hat, stellt auch gleich fest, dass wir es nicht mit einem reinen Fußballfilm zu tun haben. Wir erleben das gebeutelte Nachkriegsdeutschland in einer Übergangsphase aus Verzweiflung und Aufbruch. Eine Zeit, in der der Fußball eine willkommene Ablenkung ist. Etwas, das im Übrigen bis heute für den Fußball gilt. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft über den haushohen Favoriten aus Ungarn und die Geburt nationaler Helden wie Fritz Walter, Toni Turek oder Helmut Rahn ist also auch deswegen von so großer Bedeutung, weil er ein einschneidendes soziales und ja tatsächlich auch politisches Ereignis im Nachkriegsdeutschland darstellt. Nicht wenige Historiker behaupten heute, dass jener Tag eine ähnlich positive Auswirkung auf Deutschland hatte wie der 9. November 1989. Und so ganz falsch liegen sie damit vielleicht gar nicht.

Ohne den Fußball als solches zu glorifizieren: Es sind die Geschichten und Tragödien neben dem Fußball, die Einzelschicksale, Hoffnungen und Wünsche, die mit dem Sport verbunden sind. Nur deswegen laufen kleine Jungs in den Straßen von Rio, Köln oder Lissabon mit Ronaldo- oder Podolski-Trikots herum, kicken auf Schotterplätzen, Wiesen oder Kunstrasenplätzen gegen Plastik- oder Lederbälle und schreiben mit blühender Fantasie ihre eigenen Geschichten vom alles entscheidenden Tor im WM-Finale.

#riskieralles und #allinornothing — Oder: die Professionalisierung des Storytellings im Marketing

Das erzählerische Potenzial des Fußballs, das beinahe unerschöpflich scheint, wird spätestens zu jedem großen Turnier von Sportartikelherstellern und anderen großen Marken genutzt, um den Kreislauf der Heldensagen weiter zu stimulieren. Und die Geschichten sind ergreifend. Pathetisch, aber ergreifend. Sportler –  oder ihre animierten Zwillinge  –  werden zu modernen Kriegern und Gladiatoren stilisiert, das Fußballspiel zum Kampf um Leben und Tod, zur Befreiung einer ganzen Nation. Sie leben fort in Tweets, Bildern oder Videos der Nutzer, die diese Geschichten teilen und mitschreiben wollen.

Wenn also Neymar mit den Kopfhörern eines berühmten amerikanischen Rappers auf den Kampf seines Lebens wartend in der Umkleide sitzt oder eine Horde junger Nachwuchskicker plötzlich zu Ebenbildern ihrer Stars werden und der Bolzplatz zur bebenden Arena, dann ist das in erster Linie eine tolle Marketingkampagne für die jeweiligen Produkte. Doch diese Spots sind in gewisser Weise auch eine Fortführung dessen, was mit dem Endspiel in Bern vor nun 60 Jahren geboren wurde: die im Sport komprimierte Geschichte von Helden und Verlierern, von Hoffnung und Träumen.

Der Sport wird so zur sozialen Kraft, die sich in emotionalen Geschichten äußert. So entsteht neben dem von Agenturen und Marketingfachleuten intendierten Bezug zum Produkt durch Emotion vor allem eine nicht enden wollende Sogkraft des Sports an sich und all seiner Facetten.

Abseits all der Entscheidungen und Auflagen einer vermeintlich korrupten FIFA, den grausigen Zuständen in Brasilien und der auch mit dem hier Beschriebenen eng verknüpften Kommerzialisierung des Sports, werden auch in diesem Jahr Kids wieder Endspiele in Seitengassen austragen, fremde Menschen sich in den Armen und erwachsene Männer einsam weinend auf Wiesen liegen. Nicht weil “22 Mann hinter einem Ball herjagen”, sondern weil der Sport seine eigenen Geschichten schreibt. Und jeder erlebt diese Geschichten auf seine eigene Weise — alleine oder im Kollektiv.

So wie damals, 1998.

 

Bild von Flickr User _becaro_ unter Creative Commons Lizenz.