Die Rolle von User Experience im Design-Prozess

Posted on 7. Juli 2015

Für die meisten von uns ist klar: User Experience und die damit verbundenen Prozesse sind ein unverzichtbarer Bestandteil in der Entwicklung von Web-Produkten. Im Alltag ist das nicht immer ganz so leicht. Mal versteht der Kunde nicht, dass es notwendig ist, Budget für etwas freizugeben, was er selbst gar nicht direkt sieht, mal spielt der Faktor Zeit eine wichtige Rolle. Doch User Experience ist nun schon lange kein Nice-to-have mehr und in Design-Kreisen geht es eigentlich immer häufiger, um die Frage, welche Rolle User Experience in den Design-Prozessen annimmt. Gerade durch adaptierbare Templates, argumentiert manch einer, sei Web-Design wie wir es kennen, tot und der Fokus läge auf UX Design und damit verbunden Content Strategy. Doch wie ist es wirklich? Der erste Versuch einer nachvollziehbaren Annäherung.

Von Sandra Mursch und Andreas Peters

Der Faktor Mensch – Konflikt oder neue Möglichkeiten?

„Wir möchten ein möglichst leicht zu bedienendes Produkt“. „Es soll nutzerfreundlich und intuitiv sein und mit guter User Experience glänzen“. „Ungefähr so wie bei Apple!“. So oder so ähnlich laufen viele erste Gespräche mit dem Kunden ab, wenn es um die Definition der Anforderungen an ein neues Projekt geht. Alles dreht sich um einen entscheidenden Faktor: Den Faktor Mensch.

Eine optimale User Experience wird oft angestrebt und doch nur selten erreicht. Im Verlauf des Arbeitsprozesses ist vielen Dienstleistern und Kunden dann doch wichtiger, dass das Ding möglichst “sexy” wird. Und gerade die teils langwierigen Analyse-Phasen innerhalb der UX-Prozesse sind für viele eben nicht so ”sexy” wie das sofort sichtbare Ergebnis visuellen Designs. Man hat daher das Gefühl, viele wägen in den alltäglichen Prozessen mehr oder weniger unfreiwillig gute Usability gegen die visuelle Umsetzung ab. Und am Ende leidet leider die User Experience. Aber schließt eine gute User Experience eine ansprechende und zeitgemäße Optik wirklich aus? Wie ist das Verhältnis zwischen UX und Visual Design? Der Usability-Guru Jakob Nielsen ist der Meinung, dass sogar primär Abstriche im Design gemacht werden müssen, um die Nutzerfreundlichkeit zu erhalten.

„The less intrusive the design is the better the user can focus on the task. A lot of designers want to wave their flag and say ‚Hey, look at my design‘. But the truth is the user does not want that. They don’t use your app to admire, they use your app to get things done.“ – Jakob Nielsen

„Flat Design and improperly rescaled design are the main threats to tablet usability, followed by poor gestures and workflow.“ – Jacob Nielsen 

Die Priorisierung der Interaktion und die nahezu völlige Nichtbeachtung des visuellen Designs: Ein klarer Standpunkt, den Jakob Nielsen hier vertritt. Aber steht diese Denkweise einer Weiterentwicklung sowohl des visuellen Designs, als auch der UX über kurz oder lang nicht im Weg und verhindert eventuelle Fortschritte in beiden Disziplinen?

UX ist Neuland. Immer noch.

UX Design ist eine sehr junge Disziplin aus dem Bereich des Human Centered Designs. So jung, dass Unternehmen oft immer noch im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, zu definieren, welche Bereiche die UX umfasst und welche Aufgabenbereiche ein UX-Designer abdeckt.

Im Fokus eines UX-Designers stehen in erster Linie das Verhalten und die Emotionen des Nutzers bei der Interaktion mit dem System. Dabei kümmert sich der UX-Designer um das architektonische und kognitive Grundgerüst eines digitalen Produktes, um schon zu diesem frühen Zeitpunkt mögliche auftretende Probleme des Nutzers mit dem System auszumerzen. Der klassische UX-Prozess, den beispielsweise Jesse James Garrett in “Elements Of User Experience” skizziert, umfasst die Bereiche von der Strategie (also der Definition des “Was”) bis hin zum Skelett (der Definition einzelner Komponenten des Grundgerüstes). Die Aufgabe des Visual Designers ist es dann, all diese definierten Komponenten zusammenzufügen und sie mit Leben zu füllen.

elements of user experience

„Elements Of User Experience“ by Jesse James Garrett (p. 24)

Designing for Emotion – Das Paradebeispiel

Dass die Emotionen des Nutzers in der Interaktion mit Produkten immer wichtiger werden, zeigt spätestens der Erfolg des iPhones, das vor 8 Jahren mit seiner ersten Version an den Start ging. Bis heute perfektioniert der allgegenwärtige Usability-Pionier Apple in seinen Hardware und Software-Produkten das Zusammenspiel zwischen hervorragender User Experience und minimalistisch-ansprechendem Design. Apple beweist in regelmäßigen Abständen, dass UX und visuelles oder Produktdesign sich nicht ausschließen, sondern perfekt ergänzen müssen, wenn am Ende ein innovatives Produkt stehen soll, das Menschen gerne nutzen. Der Erfolg von Apples nutzerorientiertem Ansatz in Produkt und Software-Design brachte erste Früchte und auch Unternehmen wie Google, die lange eher als Tech-Firmen und im Produktdesign als nicht gleichwertige Alternativen galten, ziehen seit längerem nach und werden Teil dieser Transformation. Eine Entwicklung, die nur zu begrüßen ist.

Gerade der FastCo-Artikel “How Google Finally Got Design“ liefert erste Indizien dafür, dass Nielsens oben zitierte These nicht zwingend allgemeingültig ist. Weniger ist mehr, ist zwar immer noch ein ebenso generisches wie hilfreiches Design-Dogma, der Design-Prozess als solches ist jedoch definiert als eine Ineinandergreifen von visuellem und UX-Design. Das eine kann und sollte nicht ohne das andere existieren, genauso wenig wie einer der Bereiche sich zu Gunsten des anderen zurücknehmen müsste.

Wenn wir erstmal verstanden haben, dass – obschon in einem UX-Prozess mehrere Disziplinen (Content Strategie, Informationsarchitektur, UX Design, Visual Design) zusammen kommen – der Prozess als solches ein Miteinander der Kompetenzen ist, fällt es uns auch leichter als Dienstleister die Notwendigkeit der Investition in UX-Recherche und -Konzeption zu kommunizieren. Denn diese Investition ist unentbehrlich.

Und ja, zur Experience gehört natürlich auch das visuelle Erscheinungsbild eines Produktes. Visual Design ist User Experience. Kaufentscheidungen werden größtenteils auf gefühlsbedingter Ebene getroffen. Eine Studie des „Institute of Color Research“ hat ergeben, dass ein User innerhalb von 90 Sekunden entscheidet, ob er auf der jeweiligen Seite verweilt oder sie wieder verlässt. Diese erste Entscheidung hängt zu 90% von der Farbgebung und der abgebildeten Masse an Content ab. Danach erst greift die Experience der Seite und wird zum weiteren maßgeblichen Faktor der „Average Time on Site“ des Nutzers. Hier treffen UX und UI aufeinander, die Brücke und das Zusammenspiel zwischen visueller Gestaltung und Gestaltung des Verhaltens wird nicht zuletzt an dieser Stelle geschlagen.

„User experience encompasses all aspects of the end- user’s interaction with the company, its services and its products.“ – Don Norman and Jakob Nielsen

Und nun?

User Experience ist überlebenswichtig. Mit einer Fülle an Devices und Nutzungskontexten wird das “Wie” in der Interaktion mit dem Produkt immer wichtiger – oder vielmehr: es ist schon längst von enormer Bedeutung. Aber User Experience ist kein abgegrenzter Bereich. Wir bei JUNGMUT verstehen User Experience als das Endprodukt all dessen, was der Nutzer tatsächlich erlebt. Unsere Prozesse verändern sich dahingehend laufend – abhängig von Teamgröße und hinzustoßenden Kompetenzen – doch das Ziel ist immer dasselbe: Ein bestmögliches Produkterlebnis. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Aufheben einer ohnehin nicht existenten Trennung von UX und UI oder UX und Visual Design es auch für den Kunden erheblich leichter macht, die Notwendigkeit der unterschiedlichen von Garrett definierten Prozess-Phasen zu durchlaufen. Um mit den schlauen, motivierenden Worten des Twitter-CEOs Evan Williams abzuschließen:

„User Experience is everything. It always has been, but it’s still undervalued and under-invested in. If you don’t know user-centered design, study it. Hire people who know it. Obsess over it. Live and breathe it. Get your whole company on board.“ – Evan Williams, CEO (Twitter)