I have a stream: Wie Facebook Live die Fernsehnutzung verändern wird

Posted on 18. Januar 2017

Das klassische Fernsehen ist auf dem absteigenden Ast. Das ist nichts Neues. In Zeiten von Social Networks, Streaming-Diensten und On-Demand Angeboten hat das Internet das Fernsehen als Leitmedium abgelöst. Informationen erreichen uns als erstes über Twitter, Facebook, Pop-Ups von Nachrichten-Apps, dann über das Fernsehen und dann irgendwann über die Zeitung. Dass das klassische Fernsehen nicht mehr das Medium der Wahl ist, wenn es um schnelle Informationsbeschaffung und -verbreitung geht, ist wahrlich längst Konsens. Aber könnte gerade Facebook Live alles verändern?

von Beatrice Ullrich

Doch den klassischen TV-Sendern bleiben, abseits von Zappen und Hintergrund-Unterhaltung, noch Großereignisse wie die Fußball-WM, Oscar-Verleihung oder verschiedenste Live-Ereignisse. Da ist Fernsehen noch ein gemeinsames Event, man trifft sich zum Public Viewing und unterwirft sich ein letztes Mal den vorgeschriebenen Zeiten des Fernsehprogramms – die letzte Bastion der TV-Betreiber.

Doch das könnte sich bald ändern. Denn ein mächtiger Konkurrent ist im Anmarsch und kokettiert mit Partizipationsmöglichkeiten, von denen eine TV-Übertragung selbst mit Twitter-Einbindung und Videotext nur zu träumen vermag.

Paradigmenwechsel des Medienkonsums

Die Rede ist von Facebook. Bereits 2007 kündigte Zuckerberg an, dass das langfristige Ziel des Netzwerkes eine Ausrichtung auf Video-Content sei. Mit Facebook-Live und der 360°-Integration geht der Social Media Gigant mit Siebenmeilenstiefeln auf sein Ziel zu.

Seit Mai letzten Jahres hat sich die Facebook Live-Nutzung vervierfacht und der Ausbau der Livestreaming-Funktion erfolgt stetig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis langfristige Exklusivverträge zur Übertragung von Großereignissen geschlossen werden und Facebook die Schärpe des erfolgreichsten Live-Streaming Dienstes tragen wird.

Bereits seit Beginn letzten Jahres ist Facebook dabei, das ein oder andere Sportereignis zu streamen, so war im März 2016 beispielsweise das Spiel Manchester United – Everton rund 1,7 Billionen Facebook-Nutzern zugänglich. Erst kürzlich übertrug das soziale Netzwerk das NBA Match zwischen den Warriors und den Kings, wenn auch nur exklusiv in Indien.

“Facebook is staring the future right in the face. The traditional television platform is no longer the sole choice for the end user — you’re not stuck in the living room with the TV set anymore.” – Digital Trends Magazin

An und für sich ist es natürlich nichts Neues, dass Facebook Live genutzt wird, um beispielsweise Konferenzen, Konzerte oder andere Events zu übertragen und sie so einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Der Unterschied besteht nun allerdings darin, dass sich das Soziale Netzwerk als direkter Konkurrent im unkämpften Feld von exklusiven Übertragungsrechten positioniert. Hier hat Facebook einiges anzubieten: Neben 1,79 Mrd. aktiven Nutzern (Stand September 2016), ist es vor allem die junge Zielgruppe und die Viralität, die zusätzliche Aufmerksamkeit für Live-Inhalte verspricht.

Die einzige Konkurrenz, die an dieser Stelle noch Gewicht hat, ist Twitter samt Periscope. Der Microbloggingdienst ist ebenso wie Facebook bereits seit längerer Zeit dabei, Großereignisse wie Sportevents zu übertragen.

Facebook scheint sich jedoch noch mehr auf die tatsächliche Ablösung des Mediums Fernsehen zu konzentrieren und hat kürzlich den TV-Button vorgestellt, mit dem sich Facebook Videos nun bequem auf das Smart TV senden und dort genauso nutzen lassen, wie auf dem Handy: Samt Live-Reaktionen.

Das ändert das Konsumverhalten nachhaltig. Im Gegensatz zum klassischen Fernsehen sind die Reaktionen auf den gesehenen Inhalt unmittelbarer und sichtbarer.
Es wird möglich sein, sich mit Freunden und/oder der Community live zum Gesehenen auszutauschen, in Form von Chatfenstern, Live-Zuschaltungen oder ähnlichem. Manchen mag es an dieser Stelle gruseln – erinnert das doch sehr an die SMS Chats auf den Musiksendern der 2000er. Ansich ist dies aber eine naheliegende Entwicklung – viele begleiten Live TV-Ereignisse ohnehin mit Kommentaren auf Facebook oder Twitter, wieso also nicht beides gleich vereinen? Im Prinzip ist dies die Schließung einer Lücke zwischen zwei Kanälen. Während auf dem einen rezipiert wurde, wurde auf dem anderen diskutiert und socialized.

“Nach der Werbung geht es weiter mit der Tagesschau”

Wer dem klassischen TV den Rang ablaufen möchte, der macht sich natürlich auch die erfolgreich erprobten Mechanismen des Fernsehens zu eigen. Bisher liefen die Übertragungen der Großereignisse ohne Werbeunterbrechungen ab – das war natürlich keine langfristige Lösung. Zuckerberg hat Anfang des Jahres die Möglichkeit etabliert, Mid-Roll Ads in Videos und Live-Übertragungen zu platzieren – eine klassische Werbeunterbrechung. Das Ganze geschieht zu nahezu zu denselben Bedingungen wie bei YouTube, womit die In-Video-Ad Krone des Internet-Videoportals voraussichtlich nachhaltig angefochten wird. Eine lohnenswerte Neuerung, nachdem bereits Anfang 2016 von 100 Millionen täglich geschauten Video-Stunden auf Facebook die Rede war.

Nach dem Anschlag am Breitscheidtplatz Mitte Dezember in Berlin gingen alle großen Nachrichtenformate in sofortige Facebook Live-Übertragungen. Schnelle mobile Information, die genau den Nerv der geschockten Bevölkerung traf. Anders als bei einer klassischen TV-Sendung, war man hier mit seinen Empfindungen nicht alleine, die Reaktionen und Kommentare schnellten über den Bildschirm und machten das furchtbare Ereignis etwas greifbarer. Plötzlich wurde die Vorstellung, die allabendliche Tagesschau auf Facebook zu schauen, realistisch. Bequem, überall, ohne herunterladen einer zusätzlichen App oder Aufrufen verschiedenster Mediatheken. Doch damit nicht genug: Facebook könnte neben Nachrichtensendungen in absehbarer Zeit auch Publikumslieblinge wie “Good Morning America” oder “The Tonight Show” übertragen. Facebook Live als Fernseher to go.

Das Ende des Second Screens

Auf lange Sicht würde so das Second Screen Verhalten gänzlich abgelöst. Beim Großereignis via Facebook Live läuft alles zusammen: Ich rezipiere und diskutiere – in real time, ohne zusätzlichen Kanal. Ich schaue virtuell gemeinsam mit meinen Freunden Fußball und unterhalte mich mit ihnen über das Spiel, als säßen sie neben mir.

Die momentane Entwicklungen haben die Intensität, die Fernseh- und Second Screen-Nutzung nachhaltig zu verändern und gar abzuschaffen. Ein spannender Trend, der vielleicht der Todesstoß für das Fernsehen ist, wie wir es kannten.