Kleiner KIKK gefällig?

Auch in diesem Jahr hat es uns zum KIKK Festival gezogen, Europas renommierten Festival für digitale und kreative Kultur im belgischen Namur. Nach zwei Tagen voller Input, sind wir zurück, jede Menge Inspiration und Eindrücke im Gepäck, die wir Euch nicht vorenthalten wollen.

von Marie Neuhalfen

 

Ins KIKK Festival ist die ganze wallonische Hauptstadt Namur involviert – die kleine Galerie von nebenan, mehrere Kirchen, das Rathaus, bis hin zum königlichen Theater. Dessen spektakulärer Bau aus den 1820ern erscheint von innen vielmehr wie das architektonische Abbild eines Eichendorffgedichts als der Playground der digitalen Zukunft. Doch hier erzählen von morgens bis abends Künstler, Kreative und Speaker aus diversen Branchen von ihren Projekten und Gedanken zum diesjährigen Thema “Invisible Narratives”.

Es kommt so anders als man denkt

Wir landen zunächst in der goldgerahmten Loge beim Talk von Clare Patey. Unter dem Titel “Private Stories/Public Spaces” diskutiert die Londoner Künstlerin die Symbiose sozialen Engagements und der Kunst des Storytellings. Dabei hat sie vor allem eine Message: Empathie. Oh, und am Ende noch wichtiger: Es kommt immer anders als du denkst! So berichtet sie unter anderem von ihrem riesigen Outdoor Banquett “Feast On The Bridge”, das sie auf einer Londoner Brücke ausgerichtet hat. Hier konnten einen Tag lang mehrere hundert Menschen zusammen kommen und an verschiedenen Stationen Nachhaltigkeit und Geschmeinschaft leben und erleben. Gemeinsam Brot backen, das übriggebliebene Obst von zu Hause in den Gemeinschaftsobstsalat mixen oder in einer Heuballen beladenen Geschichtenecke, den Erzählungen eines Vorlesers lauschen.

Foto: clarepatey.com

Dass die Heuballen sich nicht nur als Sitzgelegenheit anbieten könnten, hatte Clare nicht einkalkuliert und war zunächst verärgert, als zwei Jungen begannen sich gegenseitig mit Heu zu bewerfen. Von einer anderen Station abgelenkt, hatte sie allerdings keine Zeit sich der Sache anzunehmen und ging zum anderen Ecke der Brücke. Als sie sich noch einmal umdrehte, war aus der kleinen Heuspielerei eine ausgewachsene Heuschlacht geworden, in der sich Jung und Alt tummelten. Zum “Annual Hayfight” treffen sich die Londoner inzwischen jedes Jahr. Pateys Kunst ist lebendig und entsteht vor allem durch ihre Spontaneität und Empathie. Sie spricht über jedes ihrer Werke, als habe es ein Eigenleben und deren Autonomie sie als Künstlerin die Türen öffnet, statt sie und sich davor zu verschließen.

Lieber Craig, dein Gesicht widert mich an.

Ebenfalls aus London zu Gast ist der Illustrator Mr. Bingo, der an diesem Tag mit seinem Auftritt wohl am meisten Eindruck schindet. Fast als Entertainer kommt er daher. Kurze Hose, Hawaiihemd, Sneaker und locker in der Hüfte.  „Lieber Craig, dein Gesicht widert mich an“: Botschaften wie diese lassen sich seine Follower schon mal 40 Pfund kosten und haben dem Künstler vor ein paar Jahren einiges an Bekanntkeit verschafft. Nachdem er Jahre lang versteckte Hass-Botschaften in seinen Produkten (von der Produktverpackung bis zur Buchwidmung) an einen früheren Kritiker seiner Arbeit versteckt hatte, war er irgendwann auf die Idee gekommen eine Kollaboration zwischen diesem und seinem anderen Hobby – Postkarten sammeln – zu starten und so entstand die Idee der „Hate Mail“-Postkarten.

Foto: Mr. Bingo

Wessen Leben zu langweilig oder harmonisch verläuft oder wer sich einfach mal wieder bei Mutti melden möchte, kann bei Mr. Bingo mit wenig Aufwand eine persönliche Postkarte bestellen. Der wiederum stalked dich oder den Empfänger deiner Wahl maximal zwei Minuten im Internet und verwertet deinen lieblos recherchierten digitalen Fußabdruck in persönlichen Beleidigungen, illustriert von diffarmierenden Porträts oder anderen kreativen Gemeinheiten. Damit ist er in den letzten Jahren so erfolgreich geworden, dass die Idee nicht fern lag einen Bildband daraus zu machen. Ganz nach der Devise “Nice on the outside, dark on the inside.” sollte das Buch allerdings so hochwertig werden, dass kein Verleger in sein Werk investieren wollte. Aus diesem Grund hat Mr. Bingo schließlich eine Kickstarter Kampagne gestartet, die dank professionellen Rap-Videos innerhalb weniger Stunden durch die Decke ging. Vielleicht auch, weil er als Belohnung für beispielsweise einen Mindestbeitrag von 150GBP das Reward-Package “Get Shitfaced on a train” angeboten hat, bei dem er mit seinen Unterstützern vier Stunden lang mit dem Zug durch das Londoner Umland fahren und sich mit billigem Schnaps betrinken wolle. Für kleinere Beiträge konnten sich Investoren aber auch einen Tag lang von ihm auf sämtlichen Social Media Plattformen beleidigen lassen. Verlockend.

So überheblich und gehässig aufzutreten und zu erreichen, dass dir nach nur 40 Minuten Talk alle zu Füßen liegen, ist aber mindestens genau so große Kunst. Mr. Bingo macht übrigens auch andere tolle Sachen, dafür ist dieser Artikel aber leider zu kurz, seine Website dafür umso umfangreicher.

Kunst im Vakuum

Neben all den interessanten Menschen und ihren Geschichten bietet KIKK.Art auch eine Vielzahl von Ausstellungen, bei denen weniger gesprochen wird, dafür aber die Besucher selbst zum Teil der Kunstwerke werden. Wir nutzen die Pausen zwischen den Talks um bei Little.KIKK, der Galerie de Beffroi und der Église Notre-Dame d’Harscamp vorbei zu schauen. 

Besonders herausragend fällt die Performance „Shrink“ von Lawrence Malstaf auf. In der, auch ohne gruselige Plastikapparaturen, schon sehr imposanten Kirche Église Notre-Dame d’Harscamp, tummeln sich Festivalbesucher zwischen aufgespannten Plastikplanen und warten auf den Beginn der Performance. Ohne Einleitung tauchen sechs Personen aus der Menge auf, steigen jeweils über einen Hocker zwischen die dicken Plastikplanen und frieren dort ein. Durch ein Gerät, das die Luft nach und nach absaugt, wirken die nun regungslosen Körper vakuumverpackt und hängen vertikal in der Kirche. Für die Dauer der Performance bewegen sich die Personen im Inneren langsam und wechseln Positionen, die von einer embryonalen Position zu einer ähnlich einem gekreuzigten Körper wechseln, während Jesus reglos hinter ihnen am Kreuz bleibt. Ein bizarres Bild in dieser Umgebung.

Das KIKK Festival ist mit seinem breitaufgestellten Programm eine gute Gelegenheit Inspirationen zu sammeln, neue Gedankenwege zu denken, Trends zu entdecken und Kontakte zu knüpfen. Das Event kostet trotz großem Angebot keinen Eintritt. Übertriebene Preise sind also noch ein Gegenargument weniger, das dich davon abhalten könnte, im nächsten Jahr nicht dabei zu sein.
À bientôt.