Ok Glass, welcome to my life

Von Tim Hufermann am 20. Dezember 2013

JUNGMUT war im Valley. Wie es sich für eine Digitalagentur gehört, sollte hier ein Eindruck gewonnen werden, ob es stimmt, dass das Valley Europa um einige Jahre voraus ist und ob News wirklich immer erst nach einigen Tagen in Europa landen – es stimmt. Und diese Eindrücke sammeln wir schon seit Oktober. Seit Oktober sind wir dem deutschen Herbst entflohen, um unter der kalifornischen Sonne nicht nur Eindrücke zu sammeln, sondern auch neue Erfahrungen zu machen und vor Ort in San Francisco Kontakte zu knüpfen und ein Netzwerk aufzubauen.

 von: Tim Hufermann

 Ein Entdecker werden…

Niemand in der Digitalbranche kommt an Google Glass vorbei. Auch wenn sich über Anwendungen und Praxistauglichkeit streiten lässt, Google Glass ist eines der ultimativen Tools des Internet of Things, ein Blick in die Zukunft.

Da Google den Vertrieb von Glass streng selektiv gestaltet, blieb mir nichts anderes übrig, als mich als Explorer anzumelden und zu hoffen, irgendwann eine Mail zu bekommen, dass ich ausgewählt wurde und Glass bestellen kann – eher Utopie als Realität für Europäer. Zumal Google nach letzten Berichten noch drei bis fünf Jahre brauchen wird, bis Google Glass auf dem europäischen Markt verfügbar ist. Und dass, obwohl der Marktstart für die USA laut Robert Scoble schon im Frühjahr 2014 sein soll.

Der 11. Dezember 2013 war ein Tag, den ich nicht so schnell vergessen werde. 9:00h PST “Your Chance to Buy Google Glass”. Ein zweiter Blick: Es ist wahr! Also bleibt mir nichts anderes übrig, als diese Chance wahrzunehmen. Zum Glück bin ich immer noch in San Francisco, denn um Glass zu bekommen, muss man laut Terms & Conditions ein US resident sein. Bin ich doch, oder?! Bestellung abgeschickt, Probleme, mit Google Wallet zu zahlen, da eine amerikanische Adresse angegeben werden muss, die Kreditkarte aber mit der deutschen Adresse verknüpft ist. Bange Minuten, Telefonate mit der Kreditkartengesellschaft, Bestellung immer noch offen. Endlich klappt die Bezahlung und die Bestätigung von Wallet trudelt per Mail ein. Der Glass Order Status ist immer noch offen, hoffentlich klappt es. Freitag der 13. Dezember, eine Mail von Google “Glass Explorer Appointment Reminder” - der Termin für die Abholung am 14. Dezember ist bestätigt! Aber etwas macht mich stutzig: “Please bring your Government issued ID”. Hoffentlich klappt es irgendwie, auch wenn ich nicht in den USA gemeldet bin.

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14. Dezember 10:55h: Der Termin für die Abholung von Google Glass ist um 11:00h und ich habe immer noch keinen Parkplatz gefunden. Dann, endlich, eine freie Parklücke. Maximal eine Stunde Parkzeit, sollte passen. Schnell zum Gebäudekomplex am Embarcadero, in dem auch Google sitzt. Falschen Eingang und falsche Lobby erwischt, weitersuchen. Dann Google Sicherheitsleute, sie weisen den Weg in den Aufzug und hoch zum Glass Studio. Die Mitarbeiterin am Empfang fragt nach meinem Ausweis - ist jetzt alles vorbei, bevor es richtig beginnen konnte? Ich gebe ihr meinen deutschen Pass, sie gleicht die Daten mit ihrer Liste ab und sagt mir, dass ich herzlich willkommen bin, mir Getränke und Snacks nehmen soll, meine Glass Beraterin ist gleich bei mir. Sie rät mir, nochmal alle Farben durchzutesten, falls ich eine andere Farbe als bestellt haben möchte. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Bekomme ich heute wirklich Google Glass? Ich gehe zu dem Rack mit den verschiedenen Farben und teste alle Farben. Ein guter Rat, denn bestellt hatte ich die Farbe “Charcoal”, jetzt entscheide ich mich für “Shale”. Kaum habe ich mich in den Wartebereich (hört sich nach Behörde an, war eigentlich eine coole Lounge-Ecke mit Blick auf die Oakland Bay Bridge) gesetzt, steht auch schon die Google Mitarbeiterin vor mir, die mir mein Glass zeigen wird. Sie führt mich zu einem Tisch, auf dem schon alles bereitliegt und ich muss neidlos anerkennen, dass das Packaging von Google Glass besser ist als das Packaging von jedem Apple Produkt, was ich bisher in der Hand hatte. So wird das Auspacken definitiv zum Erlebnis.

Nach der Anpassung von Glass und der Ausrichtung auf den optimalen Sitz beginnt die Einrichtung. Hierzu logge ich mich einfach mit meinem Google Account auf dem bereitstehenden Chromebook der letzten Generation ein und konfiguriere was nötig – eine Einrichtung mit dem Smartphone klappt zu diesem Zeitpunkt nur über Android, hier hat Google scheinbar bewusst einen Riegel zur vollen Kompatibilität mit dem iPhone vorgeschoben. Nachdem ich online alles eingerichtet und das bereitgestellte WiFi ausgewählt habe erscheint ein QR-Code auf dem Bildschrim, den ich einfach mit Glass abfotografiere. Und schon ist Glass eingerichtet und mit meinem Account verknüpft. Nun kann ich ohne Probleme weitere Netzwerke und Glassware auswählen und alles landet fast magisch auf Google Glass. Schnell noch die Bluetooth-Verknüpfung mit dem iPhone und die Freigabe von Glass für Tethering – dies ist notwendig, da Glass bis auf weiteres keine eigene Mobilfunkverbindung aufbauen können wird. Die Google Mitarbeiterin versichert mir jedoch, dass Glass automatisch bekannte Wireless-Netzwerke bevorzugt und so den Akku des iPhones schonen soll.

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Jetzt heißt es hands on: Zusammen navigieren wir durch das Glass UI und mir wird die Bedienung erklärt. Diese ist wirklich simpel und leicht zu verstehen, wenn man die Kerngesten verinnerlicht hat. Ein wirklich cooles Feature, was sich aber noch in der Praxis beweisen muss, ist das navigieren auf Websites durch Kopfbewegungen. Bei dieser Funktion erscheint auch ein kleines Fadenkreuz im Blickfeld, durch das sich Links anwählen und so klicken lassen. Auch wenn ich denke, dass ich Glass nicht dazu nutzen werden, mich durch Websites zu wühlen, wurde die Browserfunktionalität auf den ersten Blick gut integriert. Und dass, obwohl immer der Umweg über Google genommen werden muss, denn die Eingabe eine URL ist nicht möglich - auch nicht durch Spracheingabe.

Nach der Führung durch das Glass UI zeigt mir die freundliche Mitarbeiterin noch, wie ich das beigelegte sun shield an Glass anbringe und schon habe ich eine schicke Sonnenbrille mit eingebautem Monitor. Sie sagt mir, dass ich gerne noch die Dachterasse nutzen kann, um Bilder zu machen und nach weiteren Erklärungen und einem kurzen Gespräch verabschiedet sie mich und wünscht mir viel Spaß mit Google Glass.

#troughglass

Unterwegs mit Google Glass

Also geht es raus auf die Straße, mitten ins Gewühl eines Vorweihnachtssamstags in San Francisco. Was habe ich mir nur dabei gedacht, heute noch letzte Geschenke zu kaufen? Irgendwie muss ich da durch und klappere die letzten Läden ab, bevor ich mich mit einem Freund zum Mittagessen treffe. Natürlich muss auch er Glass sofort ausprobieren. Selbst hier in San Francisco stelle ich fest, dass Leute mich auf der Straße ansprechen und fragen, wie ich Glass finde.

Und es zeigt sich auch, dass Glass nicht nur ein nettes Tool ist, um Fotos und Videos des Weihnachtsmann-Flashmobs zu machen, sondern auch problemlos die nächsten LP-Läden findet und auf der Karte mit meiner Position darstellt - eine Navigation dorthin geht, wie bereits erwähnt, dank iPhone nicht, zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der erste Tag mit Glass war ungewohnt, aufregend und macht deutlich, dass die momentane Glassware noch nicht ansatzweise die Features des Produkts ausschöpft oder limitiert ist. Google Glass besetzt eine neue und bisher einzigartige Produktkategorie, die noch einige Jahre brauchen wird, bis sie im Alltag angekommen ist. Ich bin gespannt, wie sich Glass im Alltag schlagen wird - beruflich und privat und wie mein Umfeld mit dem neuen Bestandteil meines Lebens umgehen wird. Denn bei einem bin ich mir ziemlich sicher: Google Glass geht nur ganz oder gar nicht.

Themen: Internet of Things